AStA der Ruhr Uni Bochum
“…ALS WÄRE DIE GÄNSEHAUT DAS ERSTE ÄSTHETISCHE BILD”. Idiosynkrasie und Erkenntnis bei Theodor W. Adorno, Vortrag von Magnus Klaue.
Adornos “Ästhetische Theorie” läßt sich lesen als der letzte Versuch, die Verbindlichkeit ästhetischer Erfahrung, wie sie in der bürgerlichen Epoche in Kants Analytik des Geschmacksurteils auf den Begriff gebracht worden ist, angesichts der irreversiblen Korrumpiertheit jeglichen ästhetischen Normativismus gegen die Zumutungen des Relativismus zu verteidigen. Das Vermögen, das in Adornos Ästhetik den Kantschen Begriff des Geschmacks beerbt und zugleich über sich hinaustreibt, wird bezeichnet mit dem Begriff der “Idiosynkrasie”. Der Vortrag möchte versuchen, diesen Begriff in seiner Konstellation mit den verwandten
Termini der “Nuance”, des “Spleens”, der “Differenziertheit” usw. zu entfalten und auf seine ästhetischen, anthropologischen und moralphilosophischen Implikationen hin durchsichtig zu machen. Außerdem soll die “Idiosynkrasie” als polemischer Gegenbegriff zur postmodernen Rehabilitation von Kategorien wie “Ekel”, “Ansteckung” oder “Entzündung” geltend gemacht werden, die sich im kurrenten Wissenschaftsbetrieb mittlerweile naivster Beliebtheit erfreuen.”
Magnus Klaue lebt als freier Autor in Berlin und schreibt regelmäßig u.a. für ‘Jungle World’ und ‘Bahamas’. Er hat gemeinsam mit Hans Richard Brittnacher den Sammelband ‘Unterwegs: Zur Poetik des Vagabundentums im 20. Jahrhundert’ (2009) herausgegeben.
Datum: Donnerstag, 15.7.2010
Ort: KulturCafé
Uhrzeit: 19 Uhr
6 Jul
Kritik der Politik als Politikwissenschaft? Zur materialistischen Staatstheorie von Johannes Agnoli und den Chancen einer kategorialen Marxrezeption (Jan Schlemermeyer, Frankfurt am Main)
In den aktuellen Debatten der materialistischen Staatstheorie sind die Überlegungen von Johannes Agnoli kaum noch Thema. Wenn überhaupt, wird auf seine Zeitdiagnose ?Die Transformation der Demokratie? verwiesen, eine Auseinandersetzung mit seinem weitergehenden staatstheoretischen
Konzept bleibt jedoch aus. Im Gegensatz zu den breit rezipierten, hegemonietheoretischen Überlegungen von beispielsweise Nicos Poulantzas scheint Agnolis Ansatz einer ?Kritik der Politik? (Agnoli) ungeeignet für eine Analyse der aktuellen Transformationsprozesse (demokratischer) Staatlichkeit zu sein. Ein Grund dafür dürfte sein, dass er im Verdacht steht, ein ? wenngleich bemerkenswert wortgewaltiges ? Anhängsel der Staatsableitungsdebatte der 1970er Jahre zu sein und deren Funktionalismus zu teilen. Darüber hinaus hat Agnoli sich aber auch selbst nie besonders darum bemüht, seine Arbeiten für wissenschaftliche Debatten aufzubereiten.
Gleichwohl lassen sich seine Überlegungen für die aktuellen Herausforderungen nutzbar machen. Eine Systematisierung von Agnolis Überlegungen verweist dabei nicht nur auf Widersprüche und blinde Flecken bei Agnoli selbst, sondern vielmehr auch auf die ungeklärten Fragen einer materialistischen Gesellschaftstheorie als Ganzer. Denn sie erfordert, insofern sie die bekannte Gegenüberstellung von Funktionalismus und Handlungstheorie nicht einfach wiederholen will,eine Reformulierung wesenlicher Kategorien der Kapitalismuskritik. Im Vortrag soll in diesem Sinne auf der Grundlage wertkritischer Überlegungen (u.a. von Moishe Postone) ein mögliches Konzept der Transformation demokratischer Staatlichkeit skizziert werden. Die kapitalistische Gesellschaft ist demnach entlang des immer zugleich politischen und ökonomischen Prozess ihrer Reproduktion, dem Veränderung nicht entgegengesetzt, sondern vielmehr immanent ist, zu analysieren.
Diskutiert werden soll, inwiefern sich mit diesem Ansatz die älteren und neueren Veränderungen demokratischer Staatlichkeit begreifen lassen und was das für die Praxis heissen könnte.
Datum: 8. Juli 2010
Uhrzeit: 20 Uhr
Ort: Soziales Zentrum Bochum
28 Jun
01. Juli | 18.00 Uhr | HZO 80
Anne Waldschmidt (Köln)
Dass behinderte Menschen anders sind als “wir Normalen” (Erving Goffman), wird üblicherweise nicht auf gesellschaftliche Einflüsse zurückgeführt, sondern auf die gesundheitlichen Störungen und Abweichungen, die als objektiv feststellbare “Naturtatsachen” angesehen werden. Entsprechend wird von der kulturellen Universalität des Behinderungsphänomens ausgegangen und “Behinderung” (disability) wird zumeist umstandslos mit “Beeinträchtigung” (impairment) gleichgesetzt. Dagegen wird in der Genderdebatte davon ausgegangen, dass Geschlecht eine soziale Konstruktion ist und die beiden Dimensionen “sex” und “gender” sich wechselseitig durchdringen.
In jüngster Zeit haben die Disability Studies darauf aufmerksam gemacht, dass es auch im Falle von Behinderung keine unhintergehbare “Natur” gibt. Ihnen zufolge stellt erst die gemeinsame Assoziation mit Unvermögen und Anormalität die kollektive Identität von Menschen mit höchst vielfältigen körperlichen Erfahrungen und Fähigkeiten her. Behinderung ist keine fixe Kategorie, sondern ein eher unscharfer Oberbegriff, der sich auf eine bunte Mischung von unterschiedlichen körperlichen und kognitiven Merkmalen bezieht, die oft nichts anderes gemeinsam haben als das soziale Stigma der Begrenzung, Abweichung und Unfähigkeit. Im Anschluss an die Intersektionalitätsdebatte lässt sich zeigen, dass sich Geschlecht und Behinderung nicht als getrennte Kategorien gegenüber stehen, sondern vielmehr das Zusammenspiel von “sex” und “impairment”, “gender” und “disability” im Ergebnis eine Matrix ergibt: Alle vier Ebenen verweisen aufeinan-der und überschneiden sich; alle vier Ebenen, d.h. auch “sex” und “impairment” als vermeintlich natürliche Phänomene sind gesellschaftlich hergestellt. Die Logik der Wechselwirkungen wird offensichtlich von der Macht der Normalität bestimmt. und auch sie offenbart sich als ambivalent.
Vortrag der Veranstaltungsreihe Geschlecht und Gesellschaft
15 Jun

17. Juni | 18.00 Uhr | HZO 80
Anne Lenz/Laura Paetau (Berlin)
Was machen Feminist_innen heute? Und wie lassen sich Feminismus und Feminist_in sein heute praktisch denken? Dieser Frage widmen wir uns in der 2009 erschienenen Untersuchung Feminismen und ‚Neue Politische Generation’. Auf der Suche nach Handlungsräumen für Feminismen – außerhalb medialer popfeministischer Debatten – fragen wir nach Strategien und Zielen feministischer Aktivist_innen in Bezug auf ihre politische Praxis und Organisierung. Welche Theorie liegt der jeweiligen Praxis zugrunde? Welches Wirkungsfeld versuchen die Aktivist_innen zu erreichen und in welches intervenieren sie letztendlich? Inwiefern bestehen Perspektiven in Bezug auf die Politisierung der Geschlechterverhältnisse und was verstehen die interviewten Frauen und Männer unter dem „F-Wort“? Grundlage der Untersuchung ist eine empirische Erhebung, in der Aktivist_innen, organisiert in Berliner Gruppen, qualitativ befragt wurden. Die Interviews werden bezüglich der berichteten politischen Strategien mit- und gegeneinander diskutiert und geben einen breiten Eindruck über aktuellen, feministischen Aktivismus. Betrachtet werden sie dabei vorwiegend aus zwei Perspektiven: Zum einen ausgehend von der Subjektivität der befragten Person vor dem Hintergrund ihrer individuellen Geschichte und zum anderen in Bezug auf die der Untersuchung zugrunde liegenden Annahmen: Die neue deutsche Frauenbewegung, als explizit feministische Bewegung, hat sich bezüglich ihrer identitären Organisationsform von Frauen als Frauen und für Frauen sowie der daraus folgenden Manifestation von Geschlecht als „Hauptwiderspruch“ überlebt. Ungleichheit qua Geschlecht hingegen, in Form der Benachteiligung von Frauen sowie als binäre Kategorisierung, existiert – mal anders, mal sehr ähnlich den Widersprüchen der 70er Jahre – weiterhin. In Anlehnung an dieses „Erbe der Frauenbewegung“ reflektiert die Untersuchung den Aktivismus junger Feminist_innen und möchte Anregungen geben, was „Feminismus“ und “Feministin sein“ heute heißen kann.
Vortrag der Veranstaltungsreihe Geschlecht und Gesellschaft
8 Jun
In der CRITIX-Reihe veranstaltet das AStA-Referat für Kritische Wissenschaften einen Vortrag mit Bernd Reinink vom Arbeitskreis Rote Ruhr-Uni. Es geht um die politische Geschichte des Fußballs mit dem Titel “Von Mussolini zu Beckenbauer”. Der Votrag findet am 14.6.2010 um 19 Uhr im KulturCafé statt.
Dass Fußball mehr ist als nur die schönste Nebensache der Welt, ist längst zu einem Gemeinplatz geworden. Als universeller Zuschauersport spielt er bei der Konstruktion kollektiver Identität und nationaler Mythen eine Rolle, die wohl nur von großen Kriegen übertroffen wird. Insbesondere der Nationalmannschaftsfußball, der alle vier Jahre in dem vom (rein sportlichen Standpunkt maßlos überschätzten) Spektakel Fußball-WM seinen Höhepunkt hat, bietet eine ideale Spielweise für alle Formen des chauvinistischen Wahns, wie auch faschistische Diktatoren und lateinamerikanische Generäle wußten. Nicht zufällig fanden die eigentlichen Feiern zur Wiedervereinigung 1990 im Zuge deutscher Fußball-Siege gegen Holland, England und Argentinien statt (und nicht etwa am offiziellen Festtag 3. Oktober); der berüchtigte Ausspruch des “Kaisers” nach dem Finale in Rom, der deutsche Fußball sei nun “auf Jahre hinaus unschlagbar”, dürfte dabei ebenso authentischer Ausdruck der nationalen Gefühlslage gewesen sein, wie das “Deutschland, Deutschland über alles”, das die “Helden von Bern” nur neun Jahre nach der Endsiegniederlage im Weltkrieg noch auf dem Rasen des Wankdorf-Stadions zum besten gaben. 2006 feierte der selbsternannte Erinnerungs- und Gedenkweltmeister dann die eigene Wiedergutwerdung, und sich selbst als bester, tollster, freundlichster Gastgeber aller Zeiten – solange, bis dann doch Flaschen und Steine in Pizzerien flogen. In dem als Einführung konzipierten Vortrag sollen die Gründe benannt werden, weshalb der Fußball innerhalb weniger Jahrzehnte zur weltweit wichtigsten und populärsten Sportart avancieren konnte. Als Fallbeispiele dienen Großbritannien, Deutschland und Italien. Außerdem sollen anhand der ersten Fußball-Weltmeisterschaftsturniere nachgewiesen werden, daß die offiziell bezweckte Völkerverständigung schon früh in propagandistisches Schauspiel und patriotischen Taumel mündete. Von Mussolini zu Beckenbauer Einführung in eine politische Geschichte des Fußballs.
7 Jun
10. Juni | 18.00 Uhr | HZO 80
Katharina Knüttel (Bochum)
War „der Körper“ lange Zeit eher eine randständige Erscheinung in der Soziologie, erfährt er seit den 1990er Jahren zunehmend wissenschaftliche Beachtung – einerseits als „Geschlechtskörper“ von Seiten der Gender Studies, andererseits aber auch in der Entwicklung einer allgemeinen Körpersoziologie. Als „weiblicher Körper“ war er bereits zuvor vielfacher politischer Bezugspunkt in den neuen Frauenbewegungen. Nach einer kurzen Vorstellung ausgewählter theoretischer Zugänge soll anhand einiger Beispiele ausgeleuchtet werden, welche Rolle Körper in der (Re-)Produktion miteinander verwobener Machtdimensionen wie Geschlecht, Klasse und „race“ spielen, um anschließend Anknüpfungspunkte für eine politische Praxis diskutieren zu können.
Vortrag der Veranstaltungsreihe Geschlecht und Gesellschaft
27 Mai
Mittwoch, 2. Juni | 11:00 Uhr s.t. – 16:30 Uhr | IC-Gebäude, Etage 3, Raum 161 | Ruhr-Universität Bochum
Freud ist alles andere als ein »toter Hund«. Auch wenn sich die zeitgenössische Psychologie von seinen abenteuerlichen sexuellen Einfällen wie dem Penisneid des Weibes oder dem Ödipuskomplex zu distanzieren pflegt, so will doch so gut wie keiner dem »Unbewussten«, die wissenschaftliche Berechtigung absprechen. Im Gegenteil, nicht nur bei der Erklärung von Ausländerfeindlichkeit und Jugendgewalt spielen aggressionstheoretische, triebökonomische oder ethno-psychoanalytische Erklärungsmuster eine prominente Rolle. Zum psychologischen Allgemeingut geworden ist auch die triebökonomische Deutung staatlich organisierter Kriege als Ausdruck menschlicher Aggressivität oder des menschlichen Todestriebes. Der Erziehungswissenschaftler Michael Brumlik, der 2006 durch seine Freud-Biographie bekannt geworden ist, erblickt in den arabischen Selbstmordattentaten einen Beleg für die ungebrochene Aktualität des Todestriebes. In den Attentaten vereinigen sich seiner psychoanalytischen Deutung zufolge beide Momente des Todestriebes: die Tendenz der Selbstzerstörung mit dem Urtrieb, andere Mitglieder der menschlichen Gesellschaft aus dem Leben zu befördern. Auch die moderne Hirnforschung, namentlich vertreten durch Gerhard Roth, knüpft an die Kategorie des von empirisch-erfahrungswissenschaftlich orientierten Psychologen als Metaphysik verworfenen freudianischen Unbewussten an und versucht diesem eine naturwissenschaftliche Basis zu verleihen.
Wie schließlich die Antisemitismusforschung belegt, ist auch der freudianisch inspirierte Psychomarxismus der Frankfurter Schule keineswegs unmodern geworden und erfreut sich insbesondere in antideutschen Kreisen großen Zuspruches, wenn es darum geht, mit Adorno- und Horkheimer-Zitaten nach dem sado-masochistischen Ursprung des deutschen National-Charakters zu forschen. Adorno und Co hatten – wie selbst bei ihren Anhängern bis heute überwiegend unbekannt ist – den Antisemitismus als „autoritäre Aggression“ aus der sadistischen Komponente des autoritären Charakters abgeleitet und damit dem Judenhass eine unerlässliche psychische Entlastungsfunktion für den Seelenhaushalt des Untertanen attestiert.
An den Theorien von Freud und der Frankfurter Schule soll im Rahmen des Seminars aufgezeigt werden, welche systematischen Fehlerklärungen von Krieg, faschistischen Antisemitismus und staatsbürgerlichem Gehorsam die Kategorienwelt der Psychoanalyse (Ich, Es und Überich, Projektion, Identifikation etc). erbringt und welchen politisch-legitimatorischen Nutzwert psychoanalytische Erklärungsmuster besitzen.
27 Mai
Dienstag, 1. Juni | 19:30 Uhr | KulturCafé, Ruhr-Universität Bochum

Der Untertitel ist Programm. Er beinhaltet die zentrale These der von Albert Krölls vorgelegten Kritik der Psychologie. Danach besteht die unbestreitbare Leistung der psychologischen Weltanschauung in der erfolgreichen Selbstmanipulation des schwierigen Willens zum Glück in einer Gesellschaft, die für die große Mehrheit ihrer Mitglieder die wenig lohnende Lebensperspektive der abhängigen Arbeit vorsieht. Die Kunst der Glücksfindung besteht demgemäß darin, die eigenen Erwartungen an die Welt an deren harte Realitäten anzupassen und umgekehrt die Anforderungen der sozialen Wirklichkeit als Bewährungsprobe für sich und seine werte Persönlichkeit zu betrachten und in der Erfüllung seiner gesellschaftlichen Pflichten seine Selbstverwirklichung zu suchen.
Der psychologisch gebildete Mensch, der seinen materiellen Misserfolg nicht den Prinzipien der Konkurrenzgesellschaft, sondern sich selbst und seiner mangelnden »Erfolgsfähigkeit« zuschreibt, macht sich geistig frei von der Befassung mit den seine Existenz regierenden ökonomischen und politischen Interessen, für deren Erfolg er als Arbeitnehmer, Erziehungsberechtigter und Soldat einzustehen hat. Wer vom Wunsch beseelt ist, von der gesellschaftlichen Umwelt den Wert der eigenen Person bestätigt zu erhalten, ist umgekehrt von einem grundsätzlichen Verständnis für alle Zumutungen erfüllt, die ihm Staat und Ökonomie des demokratischen Kapitalismus auferlegen. Wer sich die psychologische Sichtweise der Welt und seiner dienstbaren Rolle in ihr zu Eigen macht, der entspricht also in idealer Weise dem Anforderungsprofil des demokratisch-kapitalistischen Staatsbürgers. Seine Unterwerfung unter die Zwänge der bürgerlichen Gesellschaft erscheint als Akt der Freiheit, als Verwirklichung gelungener Subjektwerdung.
Die Wissenschaft der Psychologie liefert für dieses Bedürfnis eine sachadäquate Theorie des Willens. Dieser Theorie zufolge ist der Wille des Menschen keinesfalls das einfache Resultat seiner Absichten und Beschlüsse. Vielmehr ist sein Handeln determiniert durch innere und äußere Bedingungen: Triebe, Reiz-Reaktions-Mechanismen, Dispositionen, Verhaltensmuster, Umwelteinflüsse etc. Ihr Wissen um die geheimen Wirkkräfte der Seele gewinnen Psychologen vornehmlich dadurch, dass sie die Handlungen der Subjekte in deren »seelisches Innenleben« reflektieren und das praktische Tun als Äußerung der inneren Möglichkeit dazu bestimmen. So erklären sie auf mustergültig tautologische Weise das Reich der menschlichen Aktivitäten durch ebenso viele gleichnamige Antriebe: den Krieg und andere Gewalttätigkeiten aus einem Aggressionstrieb, die Ausübung von Macht aus dem Machtstreben u.s.w.
Mit dieser Bestimmung des Willens als abhängiger Variable eines Ensembles innerer und äußerer Wirkkräfte erteilt die Psychologie dem Menschen zugleich einen umfassenden Steuerungsauftrag. Derselbe Mensch, eben noch als willenloser Spielball psychischer Impulse definiert, soll nunmehr als Konfliktmanager der widersprüchlichen Ansprüche fungieren, welche seine innere Dispositions- oder Motivationslage und die äußere Welt an ihn erheben. Er soll im Kampf mit sich selbst sein seelisches Gleichgewicht herstellen, ein Programm, das seit Freud unter dem psychologischen Namen einer gelungenen Ich-Bildung bekannt ist. Jedenfalls dazu soll der Rest an Wille und Verstand, den die Psychologie dem Menschen zugesteht, noch zu gebrauchen sein.
Die systematische Darstellung dieses Zusammenhangs zwischen den Erklärungsmustern der psychologischen Weltanschauung und ihrem Gebrauchswert für die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft bildet das Leitthema des Vortrags. Im Rahmen eines exemplarischen Durchganges durch die pluralistische Welt psychologischer Theorien werden die verschiedenen Ansätze darauf hin untersucht, welche besonderen Beiträge sie zum psychologischen Programm der Anpassung des bürgerlichen Konkurrenzsubjektes an seine gesellschaftliche Heimat erbringen, worin ihr politisch-legitimatorischer Gehalt besteht und auf welchen systematischen Fehlern der wissenschaftlichen Theoriebildung diese gesellschaftliche Nützlichkeit gründet.
20 Mai
Am Freitag, den 4. Juni hält Samuel Salzborn einen Vortrag zu seinem neuen Buch “Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne”.
In der sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung wird national wie international das Fehlen einer Studie beklagt, die theoretische und empirische Erkenntnisse miteinander verbindet. Die theoretischen Arbeiten nutzen empirische Studien oft allenfalls selektiv zur Stützung ihrer Hypothesen. Empirische Studien wiederum verzichten meist völlig auf theoretische Erkenntnisse. Samuel Salzborn liefert nun eine empirisch grundierte Theorie über die individuellen wie kollektiven Entstehungsursachen des Antisemitismus, seine argumentativen Strukturen sowie die sozialen Kontext- und Entwicklungsbedingungen. Dazu untersucht er politikwissenschaftliche, soziologische und psychologische Arbeiten über Antisemitismus und überprüft diese anhand empirischer Analysen.
Der Vortrag beginnt um 19 Uhr und findet im HGA 20 statt. Diese Veranstaltung findet in der CRITIX 2010-Reihe statt.
10 Mai
Thematisierung von Männlichkeit(en), Mackertum & (Anti-)Sexismus
Vom 13. bis zum 16. Mai findet im Autonomen Zentrum Mülheim die Veranstaltungsreihe “Macker Massaker” u.a. mit freundlicher Unterstützung des AStA Bochum statt.
Das Macker Massaker wird einen Raum schaffen, um sexistisches Verhalten offenzulegen und zu kritisieren. Es soll erarbeitet werden, inwiefern Mackertum mit Männlichkeit zusammenhängt oder ob mackeriges Verhalten unabhängig von Gender zu betrachten ist. Männlichkeit(en) mit ihren Privilegien, Rollenzuschreibungen, Nach- und Vorteilen sollen (selbst-)kritisch reflektiert und antisexistische Praxis gefördert werden. Mit dem Namen „Macker Massaker“ wollen wir in selbstironischer Weise das Martialische an Männlichkeiten herausstellen, von dem wir uns aber nicht in elitärer Weise freisprechen können und wollen, da sich letztlich auch Wut auf Mackerverhalten im „Massaker“ ausdrückt und wir das Martialische somit selbst reproduzieren. (aus der Selbstdarstellung)
Hier gibt es außerdem eine Programm-Übersicht und eine Orga-Seite mit Infos zu Essen, Schlafplätzen etc.