Studierendenvertretung an der RUB

AStA der Ruhr Uni Bochum

“…ALS WÄRE DIE GÄNSEHAUT DAS ERSTE ÄSTHETISCHE BILD”. Idiosynkrasie und Erkenntnis bei Theodor W. Adorno, Vortrag von Magnus Klaue.

Adornos “Ästhetische Theorie” läßt sich lesen als der letzte Versuch, die Verbindlichkeit ästhetischer Erfahrung, wie sie in der bürgerlichen Epoche in Kants Analytik des Geschmacksurteils auf den Begriff gebracht worden ist, angesichts der irreversiblen Korrumpiertheit jeglichen ästhetischen Normativismus gegen die Zumutungen des Relativismus zu verteidigen. Das Vermögen, das in Adornos Ästhetik den Kantschen Begriff des Geschmacks beerbt und zugleich über sich hinaustreibt, wird bezeichnet mit dem Begriff der “Idiosynkrasie”. Der Vortrag möchte versuchen, diesen Begriff in seiner Konstellation mit den verwandten
Termini der “Nuance”, des “Spleens”, der “Differenziertheit” usw. zu entfalten und auf seine ästhetischen, anthropologischen und moralphilosophischen Implikationen hin durchsichtig zu machen. Außerdem soll die “Idiosynkrasie” als polemischer Gegenbegriff zur postmodernen Rehabilitation von Kategorien wie “Ekel”, “Ansteckung” oder “Entzündung” geltend gemacht werden, die sich im kurrenten Wissenschaftsbetrieb mittlerweile naivster Beliebtheit erfreuen.”

Magnus Klaue lebt als freier Autor in Berlin und schreibt regelmäßig u.a. für ‘Jungle World’ und ‘Bahamas’. Er hat gemeinsam mit Hans Richard  Brittnacher den Sammelband ‘Unterwegs: Zur Poetik des Vagabundentums im 20. Jahrhundert’ (2009) herausgegeben.

Datum: Donnerstag, 15.7.2010

Ort: KulturCafé

Uhrzeit: 19 Uhr

Kritik der Politik als Politikwissenschaft? Zur materialistischen Staatstheorie von Johannes Agnoli und den Chancen einer kategorialen Marxrezeption (Jan Schlemermeyer, Frankfurt am Main)

In den aktuellen Debatten der materialistischen Staatstheorie sind die Überlegungen von Johannes Agnoli kaum noch Thema. Wenn überhaupt, wird auf seine Zeitdiagnose ?Die Transformation der Demokratie? verwiesen, eine Auseinandersetzung mit seinem weitergehenden staatstheoretischen
Konzept bleibt jedoch aus. Im Gegensatz zu den breit rezipierten, hegemonietheoretischen Überlegungen von beispielsweise Nicos Poulantzas scheint Agnolis Ansatz einer ?Kritik der Politik? (Agnoli) ungeeignet für eine Analyse der aktuellen Transformationsprozesse (demokratischer) Staatlichkeit zu sein. Ein Grund dafür dürfte sein, dass er im Verdacht steht, ein ? wenngleich bemerkenswert wortgewaltiges ? Anhängsel der Staatsableitungsdebatte der 1970er Jahre zu sein und deren Funktionalismus zu teilen. Darüber hinaus hat Agnoli sich aber auch selbst nie besonders darum bemüht, seine Arbeiten für wissenschaftliche Debatten aufzubereiten.
Gleichwohl lassen sich seine Überlegungen für die aktuellen Herausforderungen nutzbar machen. Eine Systematisierung von Agnolis Überlegungen verweist dabei nicht nur auf Widersprüche und blinde Flecken bei Agnoli selbst, sondern vielmehr auch auf die ungeklärten Fragen einer materialistischen Gesellschaftstheorie als Ganzer. Denn sie erfordert, insofern sie die bekannte Gegenüberstellung von Funktionalismus und Handlungstheorie nicht einfach wiederholen will,eine Reformulierung wesenlicher Kategorien der Kapitalismuskritik. Im Vortrag soll in diesem Sinne auf der Grundlage wertkritischer Überlegungen (u.a. von Moishe Postone) ein mögliches Konzept der Transformation demokratischer Staatlichkeit skizziert werden. Die kapitalistische Gesellschaft ist demnach entlang des immer zugleich politischen und ökonomischen Prozess ihrer Reproduktion, dem Veränderung nicht entgegengesetzt, sondern vielmehr immanent ist, zu analysieren.
Diskutiert werden soll, inwiefern sich mit diesem Ansatz die älteren und neueren Veränderungen demokratischer Staatlichkeit begreifen lassen und was das für die Praxis heissen könnte.

Datum: 8. Juli 2010

Uhrzeit: 20 Uhr

Ort: Soziales Zentrum Bochum

01. Juli | 18.00 Uhr | HZO 80

Anne Waldschmidt (Köln)

Dass behinderte Menschen anders sind als “wir Normalen” (Erving Goffman), wird üblicherweise nicht auf gesellschaftliche Einflüsse zurückgeführt, sondern auf die gesundheitlichen Störungen und Abweichungen, die als objektiv feststellbare “Naturtatsachen” angesehen werden. Entsprechend wird von der kulturellen Universalität des Behinderungsphänomens ausgegangen und “Behinderung” (disability) wird zumeist umstandslos mit “Beeinträchtigung” (impairment) gleichgesetzt. Dagegen wird in der Genderdebatte davon ausgegangen, dass Geschlecht eine soziale Konstruktion ist und die beiden Dimensionen “sex” und “gender” sich wechselseitig durchdringen.
In jüngster Zeit haben die Disability Studies darauf aufmerksam gemacht, dass es auch im Falle von Behinderung keine unhintergehbare “Natur” gibt. Ihnen zufolge stellt erst die gemeinsame Assoziation mit Unvermögen und Anormalität die kollektive Identität von Menschen mit höchst vielfältigen körperlichen Erfahrungen und Fähigkeiten her. Behinderung ist keine fixe Kategorie, sondern ein eher unscharfer Oberbegriff, der sich auf eine bunte Mischung von unterschiedlichen körperlichen und kognitiven Merkmalen bezieht, die oft nichts anderes gemeinsam haben als das soziale Stigma der Begrenzung, Abweichung und Unfähigkeit. Im Anschluss an die Intersektionalitätsdebatte lässt sich zeigen, dass sich Geschlecht und Behinderung nicht als getrennte Kategorien gegenüber stehen, sondern vielmehr das Zusammenspiel von “sex” und “impairment”, “gender” und “disability” im Ergebnis eine Matrix ergibt: Alle vier Ebenen verweisen aufeinan-der und überschneiden sich; alle vier Ebenen, d.h. auch “sex” und “impairment” als vermeintlich natürliche Phänomene sind gesellschaftlich hergestellt. Die Logik der Wechselwirkungen wird offensichtlich von der Macht der Normalität bestimmt. und auch sie offenbart sich als ambivalent.

Vortrag der Veranstaltungsreihe Geschlecht und Gesellschaft

17. Juni | 18.00 Uhr | HZO 80

Anne Lenz/Laura Paetau (Berlin)

Was machen Feminist_innen heute? Und wie lassen sich Feminismus und Feminist_in sein heute praktisch denken? Dieser Frage widmen wir uns in der 2009 erschienenen Untersuchung Feminismen und ‚Neue Politische Generation’. Auf der Suche nach Handlungsräumen für Feminismen – außerhalb medialer popfeministischer Debatten – fragen wir nach Strategien und Zielen feministischer Aktivist_innen in Bezug auf ihre politische Praxis und Organisierung. Welche Theorie liegt der jeweiligen Praxis zugrunde? Welches Wirkungsfeld versuchen die Aktivist_innen zu erreichen und in welches intervenieren sie letztendlich? Inwiefern bestehen Perspektiven in Bezug auf die Politisierung der Geschlechterverhältnisse und was verstehen die interviewten Frauen und Männer unter dem „F-Wort“? Grundlage der Untersuchung ist eine empirische Erhebung, in der Aktivist_innen, organisiert in Berliner Gruppen, qualitativ befragt wurden. Die Interviews werden bezüglich der berichteten politischen Strategien mit- und gegeneinander diskutiert und geben einen breiten Eindruck über aktuellen, feministischen Aktivismus. Betrachtet werden sie dabei vorwiegend aus zwei Perspektiven: Zum einen ausgehend von der Subjektivität der befragten Person vor dem Hintergrund ihrer individuellen Geschichte und zum anderen in Bezug auf die der Untersuchung zugrunde liegenden Annahmen: Die neue deutsche Frauenbewegung, als explizit feministische Bewegung, hat sich bezüglich ihrer identitären Organisationsform von Frauen als Frauen und für Frauen sowie der daraus folgenden Manifestation von Geschlecht als „Hauptwiderspruch“ überlebt. Ungleichheit qua Geschlecht hingegen, in Form der Benachteiligung von Frauen sowie als binäre Kategorisierung, existiert – mal anders, mal sehr ähnlich den Widersprüchen der 70er Jahre – weiterhin. In Anlehnung an dieses „Erbe der Frauenbewegung“ reflektiert die Untersuchung den Aktivismus junger Feminist_innen und möchte Anregungen geben, was „Feminismus“ und “Feministin sein“ heute heißen kann.

Vortrag der Veranstaltungsreihe Geschlecht und Gesellschaft

In der CRITIX-Reihe veranstaltet das AStA-Referat für Kritische Wissenschaften einen Vortrag mit Bernd Reinink vom Arbeitskreis Rote Ruhr-Uni. Es geht um die politische Geschichte des Fußballs mit dem Titel “Von Mussolini zu Beckenbauer”. Der Votrag  findet am 14.6.2010 um 19 Uhr im KulturCafé statt.

Dass Fußball mehr ist als nur die schönste Nebensache der Welt, ist längst zu einem Gemeinplatz geworden. Als universeller Zuschauersport spielt er bei der Konstruktion kollektiver Identität und nationaler Mythen eine Rolle, die wohl nur von großen Kriegen übertroffen wird. Insbesondere der Nationalmannschaftsfußball, der alle vier Jahre in dem vom (rein sportlichen Standpunkt maßlos überschätzten) Spektakel Fußball-WM seinen Höhepunkt hat, bietet eine ideale Spielweise für alle Formen des chauvinistischen Wahns, wie auch faschistische Diktatoren und lateinamerikanische Generäle wußten. Nicht zufällig fanden die eigentlichen Feiern zur   Wiedervereinigung 1990 im Zuge deutscher Fußball-Siege gegen Holland, England und Argentinien statt (und nicht etwa am offiziellen Festtag 3. Oktober); der berüchtigte Ausspruch des “Kaisers” nach dem Finale in Rom, der deutsche Fußball sei nun “auf Jahre hinaus unschlagbar”, dürfte dabei ebenso authentischer Ausdruck der nationalen Gefühlslage gewesen sein, wie das “Deutschland, Deutschland über alles”, das die “Helden von Bern” nur neun Jahre nach der Endsiegniederlage im Weltkrieg noch auf dem Rasen des Wankdorf-Stadions zum besten gaben. 2006 feierte der selbsternannte Erinnerungs- und Gedenkweltmeister dann die eigene Wiedergutwerdung, und sich selbst als bester, tollster, freundlichster Gastgeber aller Zeiten – solange, bis dann doch Flaschen und Steine in Pizzerien flogen. In dem als Einführung konzipierten Vortrag sollen die Gründe benannt werden, weshalb der Fußball innerhalb weniger Jahrzehnte zur weltweit wichtigsten und populärsten Sportart avancieren konnte. Als Fallbeispiele dienen Großbritannien, Deutschland und Italien. Außerdem sollen anhand der ersten Fußball-Weltmeisterschaftsturniere nachgewiesen werden, daß die offiziell bezweckte  Völkerverständigung schon früh in propagandistisches Schauspiel und patriotischen Taumel  mündete. Von Mussolini zu Beckenbauer Einführung in eine politische Geschichte des Fußballs.

10. Juni | 18.00 Uhr | HZO 80

Katharina Knüttel (Bochum)

War „der Körper“ lange Zeit eher eine randständige Erscheinung in der Soziologie, erfährt er seit den 1990er Jahren zunehmend wissenschaftliche Beachtung – einerseits als „Geschlechtskörper“ von Seiten der Gender Studies, andererseits aber auch in der Entwicklung einer allgemeinen Körpersoziologie. Als „weiblicher Körper“ war er bereits zuvor vielfacher politischer Bezugspunkt in den neuen Frauenbewegungen. Nach einer kurzen Vorstellung ausgewählter theoretischer Zugänge soll anhand einiger Beispiele ausgeleuchtet werden, welche Rolle Körper in der (Re-)Produktion miteinander verwobener Machtdimensionen wie Geschlecht, Klasse und „race“ spielen, um anschließend Anknüpfungspunkte für eine politische Praxis diskutieren zu können.

Vortrag der Veranstaltungsreihe Geschlecht und Gesellschaft

Mitt­woch, 2. Juni | 11:00 Uhr s.t. – 16:30 Uhr | IC-​Ge­bäu­de, Etage 3, Raum 161 | Ruhr-​Uni­ver­si­tät Bo­chum

Freud ist alles an­de­re als ein »toter Hund«. Auch wenn sich die zeit­ge­nös­si­sche Psy­cho­lo­gie von sei­nen aben­teu­er­li­chen se­xu­el­len Ein­fäl­len wie dem Pe­nis­neid des Wei­bes oder dem Ödi­pus­kom­plex zu dis­tan­zie­ren pflegt, so will doch so gut wie kei­ner dem »Un­be­wuss­ten«, die wis­sen­schaft­li­che Be­rech­ti­gung ab­spre­chen. Im Ge­gen­teil, nicht nur bei der Er­klä­rung von Aus­län­der­feind­lich­keit und Ju­gend­ge­walt spie­len ag­gres­si­ons­theo­re­ti­sche, trie­böko­no­mi­sche oder eth­no-​psy­cho­ana­ly­ti­sche Er­klä­rungs­mus­ter eine pro­mi­nen­te Rolle. Zum psy­cho­lo­gi­schen All­ge­mein­gut ge­wor­den ist auch die trie­böko­no­mi­sche Deu­tung staat­lich or­ga­ni­sier­ter Krie­ge als Aus­druck mensch­li­cher Ag­gres­si­vi­tät oder des mensch­li­chen To­des­trie­bes. Der Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler Micha­el Brum­lik, der 2006 durch seine Freud-​Bio­gra­phie be­kannt ge­wor­den ist, er­blickt in den ara­bi­schen Selbst­mord­at­ten­ta­ten einen Beleg für die un­ge­bro­che­ne Ak­tua­li­tät des To­des­trie­bes. In den At­ten­ta­ten ver­ei­ni­gen sich sei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Deu­tung zu­fol­ge beide Mo­men­te des To­des­trie­bes: die Ten­denz der Selbst­zer­stö­rung mit dem Ur­trieb, an­de­re Mit­glie­der der mensch­li­chen Ge­sell­schaft aus dem Leben zu be­för­dern. Auch die mo­der­ne Hirn­for­schung, na­ment­lich ver­tre­ten durch Ger­hard Roth, knüpft an die Ka­te­go­rie des von em­pi­risch-​er­fah­rungs­wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ten Psy­cho­lo­gen als Me­ta­phy­sik ver­wor­fe­nen freu­dia­ni­schen Un­be­wuss­ten an und ver­sucht die­sem eine na­tur­wis­sen­schaft­li­che Basis zu ver­lei­hen.

Wie schließ­lich die An­ti­se­mi­tis­mus­for­schung be­legt, ist auch der freu­dia­nisch in­spi­rier­te Psy­cho­mar­xis­mus der Frank­fur­ter Schu­le kei­nes­wegs un­mo­dern ge­wor­den und er­freut sich ins­be­son­de­re in an­ti­deut­schen Krei­sen gro­ßen Zu­spru­ches, wenn es darum geht, mit Ador­no-​ und Hork­hei­mer-​Zi­ta­ten nach dem sa­do-​ma­so­chis­ti­schen Ur­sprung des deut­schen Na­tio­nal-​Cha­rak­ters zu for­schen. Ador­no und Co hat­ten – wie selbst bei ihren An­hän­gern bis heute über­wie­gend un­be­kannt ist – den An­ti­se­mi­tis­mus als „au­to­ri­tä­re Ag­gres­si­on“ aus der sa­dis­ti­schen Kom­po­nen­te des au­to­ri­tä­ren Cha­rak­ters ab­ge­lei­tet und damit dem Ju­den­hass eine un­er­läss­li­che psy­chi­sche Ent­las­tungs­funk­ti­on für den See­len­haus­halt des Un­ter­ta­nen at­tes­tiert.

An den Theo­ri­en von Freud und der Frank­fur­ter Schu­le soll im Rah­men des Se­mi­nars auf­ge­zeigt wer­den, wel­che sys­te­ma­ti­schen Feh­ler­klä­run­gen von Krieg, fa­schis­ti­schen An­ti­se­mi­tis­mus und staats­bür­ger­li­chem Ge­hor­sam die Ka­te­go­ri­en­welt der Psy­cho­ana­ly­se (Ich, Es und Übe­r­ich, Pro­jek­ti­on, Iden­ti­fi­ka­ti­on etc). er­bringt und wel­chen po­li­tisch-​le­gi­ti­ma­to­ri­schen Nutz­wert psy­cho­ana­ly­ti­sche Er­klä­rungs­mus­ter be­sit­zen.

Diens­tag, 1. Juni | 19:30 Uhr | Kul­tur­Café, Ruhr-​Uni­ver­si­tät Bo­chum

Der Un­ter­ti­tel ist Pro­gramm. Er be­inhal­tet die zen­tra­le These der von Al­bert Krölls vor­ge­leg­ten Kri­tik der Psy­cho­lo­gie. Da­nach be­steht die un­be­streit­ba­re Leis­tung der psy­cho­lo­gi­schen Welt­an­schau­ung in der er­folg­rei­chen Selbst­ma­ni­pu­la­ti­on des schwie­ri­gen Wil­lens zum Glück in einer Ge­sell­schaft, die für die große Mehr­heit ihrer Mit­glie­der die wenig loh­nen­de Le­bens­per­spek­ti­ve der ab­hän­gi­gen Ar­beit vor­sieht. Die Kunst der Glücks­fin­dung be­steht dem­ge­mäß darin, die ei­ge­nen Er­war­tun­gen an die Welt an deren harte Rea­li­tä­ten an­zu­pas­sen und um­ge­kehrt die An­for­de­run­gen der so­zia­len Wirk­lich­keit als Be­wäh­rungs­pro­be für sich und seine werte Per­sön­lich­keit zu be­trach­ten und in der Er­fül­lung sei­ner ge­sell­schaft­li­chen Pflich­ten seine Selbst­ver­wirk­li­chung zu su­chen.

Der psy­cho­lo­gisch ge­bil­de­te Mensch, der sei­nen ma­te­ri­el­len Mis­ser­folg nicht den Prin­zi­pi­en der Kon­kur­renz­ge­sell­schaft, son­dern sich selbst und sei­ner man­geln­den »Er­folgs­fä­hig­keit« zu­schreibt, macht sich geis­tig frei von der Be­fas­sung mit den seine Exis­tenz re­gie­ren­den öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen In­ter­es­sen, für deren Er­folg er als Ar­beit­neh­mer, Er­zie­hungs­be­rech­tig­ter und Sol­dat ein­zu­ste­hen hat. Wer vom Wunsch be­seelt ist, von der ge­sell­schaft­li­chen Um­welt den Wert der ei­ge­nen Per­son be­stä­tigt zu er­hal­ten, ist um­ge­kehrt von einem grund­sätz­li­chen Ver­ständ­nis für alle Zu­mu­tun­gen er­füllt, die ihm Staat und Öko­no­mie des de­mo­kra­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus auf­er­le­gen. Wer sich die psy­cho­lo­gi­sche Sicht­wei­se der Welt und sei­ner dienst­ba­ren Rolle in ihr zu Eigen macht, der ent­spricht also in idea­ler Weise dem An­for­de­rungs­pro­fil des de­mo­kra­tisch-​ka­pi­ta­lis­ti­schen Staats­bür­gers. Seine Un­ter­wer­fung unter die Zwän­ge der bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft er­scheint als Akt der Frei­heit, als Ver­wirk­li­chung ge­lun­ge­ner Sub­jekt­wer­dung.

Die Wis­sen­schaft der Psy­cho­lo­gie lie­fert für die­ses Be­dürf­nis eine sach­ad­äqua­te Theo­rie des Wil­lens. Die­ser Theo­rie zu­fol­ge ist der Wille des Men­schen kei­nes­falls das ein­fa­che Re­sul­tat sei­ner Ab­sich­ten und Be­schlüs­se. Viel­mehr ist sein Han­deln de­ter­mi­niert durch in­ne­re und äu­ße­re Be­din­gun­gen: Trie­be, Reiz-​Re­ak­ti­ons-​Me­cha­nis­men, Dis­po­si­tio­nen, Ver­hal­tens­mus­ter, Um­welt­ein­flüs­se etc. Ihr Wis­sen um die ge­hei­men Wirk­kräf­te der Seele ge­win­nen Psy­cho­lo­gen vor­nehm­lich da­durch, dass sie die Hand­lun­gen der Sub­jek­te in deren »see­li­sches In­nen­le­ben« re­flek­tie­ren und das prak­ti­sche Tun als Äu­ße­rung der in­ne­ren Mög­lich­keit dazu be­stim­men. So er­klä­ren sie auf mus­ter­gül­tig tau­to­lo­gi­sche Weise das Reich der mensch­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten durch eben­so viele gleich­na­mi­ge An­trie­be: den Krieg und an­de­re Ge­walt­tä­tig­kei­ten aus einem Ag­gres­si­ons­trieb, die Aus­übung von Macht aus dem Macht­stre­ben u.s.w.

Mit die­ser Be­stim­mung des Wil­lens als ab­hän­gi­ger Va­ria­ble eines En­sem­bles in­ne­rer und äu­ße­rer Wirk­kräf­te er­teilt die Psy­cho­lo­gie dem Men­schen zu­gleich einen um­fas­sen­den Steue­rungs­auf­trag. Der­sel­be Mensch, eben noch als wil­len­lo­ser Spiel­ball psy­chi­scher Im­pul­se de­fi­niert, soll nun­mehr als Kon­flikt­ma­na­ger der wi­der­sprüch­li­chen An­sprü­che fun­gie­ren, wel­che seine in­ne­re Dis­po­si­ti­ons-​ oder Mo­ti­va­ti­ons­la­ge und die äu­ße­re Welt an ihn er­he­ben. Er soll im Kampf mit sich selbst sein see­li­sches Gleich­ge­wicht her­stel­len, ein Pro­gramm, das seit Freud unter dem psy­cho­lo­gi­schen Namen einer ge­lun­ge­nen Ich-​Bil­dung be­kannt ist. Je­den­falls dazu soll der Rest an Wille und Ver­stand, den die Psy­cho­lo­gie dem Men­schen zu­ge­steht, noch zu ge­brau­chen sein.

Die sys­te­ma­ti­sche Dar­stel­lung die­ses Zu­sam­men­hangs zwi­schen den Er­klä­rungs­mus­tern der psy­cho­lo­gi­schen Welt­an­schau­ung und ihrem Ge­brauchs­wert für die ka­pi­ta­lis­ti­sche Kon­kur­renz­ge­sell­schaft bil­det das Leit­the­ma des Vor­trags. Im Rah­men eines ex­em­pla­ri­schen Durch­gan­ges durch die plu­ra­lis­ti­sche Welt psy­cho­lo­gi­scher Theo­ri­en wer­den die ver­schie­de­nen An­sät­ze dar­auf hin un­ter­sucht, wel­che be­son­de­ren Bei­trä­ge sie zum psy­cho­lo­gi­schen Pro­gramm der An­pas­sung des bür­ger­li­chen Kon­kur­renz­sub­jek­tes an seine ge­sell­schaft­li­che Hei­mat er­brin­gen, worin ihr po­li­tisch-​le­gi­ti­ma­to­ri­scher Ge­halt be­steht und auf wel­chen sys­te­ma­ti­schen Feh­lern der wis­sen­schaft­li­chen Theo­rie­bil­dung diese ge­sell­schaft­li­che Nütz­lich­keit grün­det.

Am Freitag, den 4. Juni hält Samuel Salzborn einen Vortrag zu seinem neuen Buch “Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne”.

In der sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung wird national wie international das Fehlen einer Studie beklagt, die theoretische und empirische Erkenntnisse miteinander verbindet. Die theoretischen Arbeiten nutzen empirische Studien oft allenfalls selektiv zur Stützung ihrer Hypothesen. Empirische Studien wiederum verzichten meist völlig auf theoretische Erkenntnisse. Samuel Salzborn liefert nun eine empirisch grundierte Theorie über die individuellen wie kollektiven Entstehungsursachen des Antisemitismus, seine argumentativen Strukturen sowie die sozialen Kontext- und Entwicklungsbedingungen. Dazu untersucht er politikwissenschaftliche, soziologische und psychologische Arbeiten über Antisemitismus und überprüft diese anhand empirischer Analysen.

Der Vortrag beginnt um 19 Uhr und findet im HGA 20 statt. Diese Veranstaltung findet in der CRITIX 2010-Reihe statt.

Thematisierung von Männlichkeit(en), Mackertum & (Anti-)Sexismus

Vom 13. bis zum 16. Mai findet im Autonomen Zentrum Mülheim die Veranstaltungsreihe “Macker Massaker” u.a. mit freundlicher Unterstützung des AStA Bochum statt.

Das Ma­cker Mas­sa­ker wird einen Raum schaf­fen, um se­xis­ti­sches Ver­hal­ten of­fen­zu­le­gen und zu kri­ti­sie­ren. Es soll er­ar­bei­tet wer­den, in­wie­fern Ma­cker­tum mit Männ­lich­keit zu­sam­men­hängt oder ob ma­cke­ri­ges Ver­hal­ten un­ab­hän­gig von Gen­der zu be­trach­ten ist. Männ­lich­keit(en) mit ihren Pri­vi­le­gi­en, Rol­len­zu­schrei­bun­gen, Nach- und Vor­tei­len sol­len (selbst-​)kri­tisch re­flek­tiert und an­tis­e­xis­ti­sche Pra­xis ge­för­dert wer­den. Mit dem Namen „Ma­cker Mas­sa­ker“ wol­len wir in selbst­iro­ni­scher Weise das Mar­tia­li­sche an Männ­lich­kei­ten her­aus­stel­len, von dem wir uns aber nicht in eli­tä­rer Weise frei­spre­chen kön­nen und wol­len, da sich letzt­lich auch Wut auf Ma­cker­ver­hal­ten im „Mas­sa­ker“ aus­drückt und wir das Mar­tia­li­sche somit selbst re­pro­du­zie­ren. (aus der Selbstdarstellung)

Hier gibt es außerdem eine Programm-Übersicht und eine Orga-Seite mit Infos zu Essen, Schlafplätzen etc.

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