AStA der Ruhr Uni Bochum
27 Jul
Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) an der Ruhr-Universität reagiert empört auf Aussagen des Ruhr-Uni-Pressesprechers Josef König. Dieser hatte gegenüber verschiedenen Zeitungen behauptet, dass Studiengebühren die studentische Mitbestimmung förderten und ihre Abschaffung einen Identifikationsverlust mit sich brächte. „Die studentische Mitbestimmung bei der Verteilung der Studiengebühren ist ein schlechter Witz“, kommentiert der AStA-Vorsitzende Jan Keitsch die Ausführungen. „In vielen Fällen hatten Studierende faktisch keine Wahl, gegen geplante Ausgaben zu stimmen, da sie von der Fakultät erpresst wurden.“
Zahlreiche studentische Mitglieder in Fakultäts- und Fachschaftsräten sind gleichzeitig Angestellte eines Lehrstuhls und so in einem unmittelbarem Abhängigkeitsverhältnis. „Autonome Entscheidungen im Sinne der Studierenden werden auf diese Weise gezielt verhindert“, kritisiert Keitsch. „Eine wirklich demokratische Teilhabe der Studierenden sieht anders aus und darf nicht an unsoziale Gebühren gekoppelt werden.“
Auch die Behauptung, eine Identifikation mit der Uni entstehe erst durch das Bezahlen der Studiengebühren, stößt auf Unverständnis. „Eine Universität ist eine Bildungseinrichtung, die eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe erfüllt. Identifikation entsteht durch gemeinsames Lernen und Forschen, nicht durch das Bezahlen des Menschenrechts auf Bildung“, so der AStA-Vorsitzende.
Das Rektorat der Ruhr-Universität spricht sich trotz der Vorwürfe der Studierenden und des Versprechens der Landesregierung, die Studiengebühren komplett zu kompensieren, weiterhin für das Bezahlstudium ab dem ersten Semester aus. Die Studierendenvertretung fordert dagegen seit der Einführung der Gebühren ihre vollständige Abschaffung.
16 Jul
Zum dritten Mal tritt am kommenden Mittwoch ein Gericht zusammen, um über den Gewaltgehalt des Tortenplakates zu befinden, mit dem gegen den Naziaufmarsch am 25. Oktober 2008 mobilisiert wurde. Dieses Plakat war auch an der Uni massenhaft plakatiert worden. Die Staatsanwaltschaft erstattete Anzeige gegen den verantwortlichen Redakteur von bo-alternativ, dem alternativen Info-Portal für Bochum. Der Vorwurf: Aufruf zur gefährlichen Körperverletzung.
Staatsanwaltschaft torpediert Kampf gegen Nazis
Es ist augenfällig, dass es der Staatsanwaltschaft nicht um ein faires Strafverfahren geht, sondern dass ein Exempel statuiert werden soll, mit dem Ziel der Einschüchterung von entschlossenem Widerstand gegen Nazi-Umzüge. Obwohl der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lächerlich ist, nimmt der AStA der Ruhr-Uni dieses Strafverfahren sehr ernst. “Auch wenn der Freispruch aus dem ersten Verfahren bestätigt wird, bleibt durch die drei Prozesse im Bewusstsein vieler Menschen hängen, dass es riskant ist, Zivilcourage zu zeigen und sich den Nazis entgegenzustellen. Wer sich im Antifa-Bereich engagiert, kann leicht auf die Anklagebank kommen.” so Karsten Finke vom AStA. Der AStA begrüßt es, dass in den letzten Tagen viele Gruppen, Initiativen, Parteien und Gewerkschaften ihren Protest gegen die Willkür der Staatsanwaltschaft beim “Tortenprozess” formuliert haben. “Wir finden es ermutigend, dass sich die Zivilgesellschaft in Bochum nicht nur den Nazis entgegenstellt, sondern auch entschlossen den Versuch der Bochumer Staatsanwaltschaft zurückweist, den Protest gegen die Nazis zu kriminalisieren.” so Finke weiter.
Antifa-Arbeit ist keine Meldung wert?
Wir als AStA bedauern, dass die Lokalpresse über den “Trotenprozess” schweigt. Vielleicht wird die Presse ja über den erneuten Freispruch berichten, denn alles andere wäre ein Armutszeugnis.
28 Jun
Der Bundesadler macht frei?
Am Montag, den 28. Juni präsentiert sich das „Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung“ (BWB) auf der Firmenkontaktmesse bonding an der Ruhr-Uni. Die Behörde organisiert die Entwicklung, die Erprobung und den Einkauf von Waffen sowie sonstigen Materialien für die Bundeswehr. Dafür gibt sie jährlich rund 3,7 Milliarden Euro aus. Vergangenes Jahr sorgte das Bundesamt auf der bonding-Messe für einen Skandal: Es warb im Katalog mit einem großen Bundesadler, versehen mit dem Slogan „Dieser Vogel macht frei“. Die Ähnlichkeit zum Nazi-Spruch „Arbeit macht frei“ war unverkennbar – vor allem im Zusammenhang mit einer Messe, bei der die Behörde ausgerechnet neue Arbeitskräfte einwerben wollte.
Die starke Assoziation an die NS-Zeit war hoffentlich ungewollt. So oder so zeigt der Fall jedoch, wie es im Umfeld der Bundeswehr um die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen bestellt ist. Unter anderem aufgrund dieser Erfahrungen versuchte der AStA den Rektor zu überzeugen, zukünftig den Auftritt des Bundesamts auf dem Campus zu verhindern. Obwohl Rektor Elmar Weiler das Werbemittel der Rüstungsbehörde verurteilte, geschah nichts. Auch dieses Jahr ist die deutsche Rüstungsverwaltung wieder auf der bonding-Messe vertreten.
Kriegstechnik für Bundeswehr & Co
Das BWB ist Teil der sogenannten zivilen Bundeswehr. In den vergangenen Jahren hat die Behörde den umstrittenen Umbau des deutschen Militärs von einer Verteidigungsstreitkraft hin zu einer Armee organisiert, die überall auf der Welt Krieg führen kann. Indirekt kommen die milliardenschweren Aufträge auch der deutschen Rüstungsexportindustrie zugute. Denn das Bundesamt finanziert die Entwicklung von neuen Waffen und organisiert gemeinsame Aufträge mit ausländischen Armeen. Vermittelt durch die Arbeit dieser Behörde tragen also auch Milliarden an deutschen Steuergeldern dazu bei, dass Deutschland der weltweit drittgrößte Waffenexporteur ist. In den vergangenen Jahren haben sich die Waffenexporte der Bundesrepublik verdoppelt. Deutschland exportiert Waffen auch in Krisengebiete, etwa nach Kaschmir und den Nahen Osten.
Für den Frieden forschen statt für den Krieg ausbilden!
Um all diese umstrittenen Aufgaben zu erfüllen, sucht das Bundesamt junge Ingenieur_innen, Wirtschaftswissenschaftler_innen oder auch Chemiker_innen – an diesem Montag an der Ruhr-Uni mit einem Stand auf der bonding-Messe. Über Werbeauftritte der Bundeswehr an Schulen wird derzeit heiß diskutiert. Erste Schulleiter_innen haben die Soldatinnen und Soldaten nach Protesten von Schüler_innen und Eltern wieder ausgeladen. Anders an der Ruhr-Uni: Erst kürzlich hat eine Dozentin der Geowissenschaften einem Offizier der Bundeswehr ermöglicht, für eine Karriere beim Militär zu werben. Unbequeme Fragen wurden durch die Dozentin verhindert, während der Offizier die Bundeswehr als „weltweit tätiges Unternehmen“ anpreisen durfte. Dieser unkritische und euphemistische Umgang ist für eine Universität beschämend.
Der AStA fordert: Forschung, Lehre und sonstiges Engagement an der RUB sollen zu ziviler Konfliktlösung beitragen, anstatt sich um die Nachwuchssorgen des Militärs zu kümmern. Deshalb fordern wir das Rektorat auf, Werbeauftritte von Bundeswehr und BWB auf dem Campus zu untersagen.
19 Mai
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Dazu eine Stellungnahme der Bildungsstreik-Gruppe Bochum:
“Am Montag, den 17.05.2010 von 16.00 bis 18.00 Uhr, hielt Benjamin Mörtl, der als Offizier im Geoinformationsdienst der Bundeswehr arbeitet, im Rahmen des Kolloqiums “Berufsfeld Geographie” so gut wie ungestört einen Propaganda-Vortrag über die Arbeit der Geowissenschaftler in der Bundeswehr.
Im Rahmen der Veranstaltung “Berufsfeld Geographie: Propädeutisches und Evaluationskolloqium” werden durch die Dozent_innen Astrid Seckelmann und Bernd Marschner jede Woche Absolvent_innen der Geographie eingeladen, um aus ihren Erfahrungen über die Arbeit der Geographen in verschiedenen Berufsfeldern zu berichten. Am besagten Montag sollte es um die Herstellung und Auswertung von digitalen Karten und Satelliten- sowie Luftbildern gehen. Dafür wurde ausgerechnet ein Hauptmann im Geoinformationsdienst der Bundeswehr eingeladen: Benjamin Mörtl. Dieser nutzte seinen Vortrag, um die Vorzüge der Bundeswehr lang und breit zu erläutern.
Anscheinend nur zivile Aufgaben in der Bundeswehr
Die Beispiele, die er bei seinen Erläuterungen des Berufsfeldes aufzeigte, bewegten sich dabei nur im zivilen Aufgabenbereich der Bundeswehr: Die Trinkwasserversorgung der zivilen Bevölkerung sichern, geographische Sicherheiten beim Neuaufbau von Gebäuden herstellen, Fahrwege erkunden… Die Liste der angeführten humanitären Beispiele lässt sich problemlos verlängern. Wenn er auf die Kampfsituationen einging, dann erläuterte er, dass dies selbstverständlich alles nur zur Selbstverteidigung der Kameraden (z.B. beim Einsatz von ABC-Waffen) geschehe.
Schon zu Anfang des Vortrages bezeichnete er die Bundeswehr als “weltweit operierendes Unternehmen, welches interessante und abwechslungsreiche Arbeitsplätze anbiete” – auch ohne unbedingt eine Uniform tragen zu müssen. Auch ließ er es sich nicht nehmen, die bürokratische Vorbildlichket der deutschen Bundeswehr im Ausland zu erwähnen. “Hier wurde ganz klar ein falsches Bild der Aufgaben der Bundeswehr gezeichnet”, so ein anwesender Student. “Schließlich wird man in der Bundeswehr immer noch zum Töten ausgebildet.”
Kritiker_innen im Kolloqium nicht erwünscht
Zu Anfang des Vortrages meldeten sich schon die ersten Kritiker_innen zu Wort und forderten eine Erklärung, wer und warum denn die Bundeswehr an die Universität einlade. Die Dozentin Astrid Seckelmann blockte die Nachfragen ab und bezeichnete die Bundeswehr als “normalen Arbeitgeber, wie auch alle anderen die für das Kolloqium eingeladen wurden”. Dann forderte sie die Kritiker_innen auf zu gehen, wenn ihnen der Arbeitgeber oder das Thema nicht zusage. Doch auch nach dem Vortrag gab es noch kritische Fragen, besonders im Bezug auf den von Hauptmann Benjamin Mörtl beschriebenen zivilen Aufgabenbereich: Warum man denn zur Bundeswehr gehen sollte, wenn man im zivilen Bereich arbeiten möchte und warum der Soldat nur diesen Aufgabenbereich erläuterte. “Der Soldat musste sich gar nicht selbst rechtfertigen, das hat die Dozentin für ihn übernommen”, kritisierte ein Anwesender das Verhalten der Dozentin. Diese antwortete auf oben genannte Frage, dass die Bundeswehr nun mal mehr Geld zur Verfügung hätte als andere Unternehmen. Als sie dann vor ihrem ganzen Kurs auf ihre ethische und wissenschaftliche Verantwortung im Hinblick auf ihre Veranstaltungen angesprochen wurde, brach sie die Diskussion ab und bat andere Referent_innen nach vorne, um deren Vorträge zu halten.
Mittlerweile normal? Unternehmen und Bundeswehr an der Universität
Mittlerweile findet mensch in den Vorlesungsverzeichnissen immer mehr Kurse, in denen Vertreter_innen von Unternehmen Werbung für diese machen dürfen. Dass jetzt allerdings die Bundeswehr ebenfalls als “normaler Arbeitgeber” eingeladen wird ist neu. Das Bachelor-Studium ist somit nicht nur durch das reine Auswendiglernen allein auf den Output ausgerichtet, es wird aktiv Werbung dafür gemacht, nach dem Bachelor-Abschluss schnellstmöglich in die Wirtschaft zu gehen. Trotz einiger Stimmen gegen dieses Vorgehen in der besagten Veranstaltung, äußerte sich die Mehrheit der anwesenden Studierenden nicht kritisch. Einige beschimpften die Kritiker_innen sogar. “Es scheint immer mehr zur Normalität zu werden, dass solche Propaganda-Veranstaltungen von den Studierenden einfach akzeptiert werden”, so eine Stimme aus dem Protestkomitee gegen Studiengebühren.
Aber gerade wenn die Bundeswehr zu solchen Veranstaltungen eingeladen wird, gehen die Dozent_innen zu weit. Die primäre Aufgabe der Bundeswehr, vor allem im Ausland, ist es nicht Brunnen zu bauen. Soldaten werden zum Töten von Menschen ausgebildet, zum Gehorchen ohne nachzufragen. Diesen Fakt sollte niemand vergessen. Und schon gar nicht sollten Dozent_innen darüber hinwegtäuschen.”
5 Mai
Campus und Karriere, 06.05.2010, Katja Gohsmann und Corinna Weiß
Bochum. Die Studiengebühren stehen auf der Kippe, bei den Koalitionsverhandlungen wird sich ihr Schicksal entscheiden. Die Wirtschaftswissenschaftler der RUB haben nun ein drei Jahre altes Thesenpapier überarbeitet und öffentlich gemacht: Studiengebühren sind sozial gerecht und sollten erhalten bleiben.
Kurz nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist der Streit um das Gratis-Studium in vollem Gange. Universitätsverwaltungen rechnen vor, mit vielen Ausfällen sie rechnen müssten, würden die Studiengebühren wieder abgeschafft. An der Ruhr-Universität Bochum (RUB) betrugen die Einnahmen aus den Studiengebühren im vergangenen Jahr 26 Millionen Euro, wie Sprecher Josef König erklärte. Dagegen sind die Allgemeinen Studierenden-Ausschüsse (AStA) in der Regel anderer Meinung. Beim AStA der Uni Duisburg-Essen beispielsweise steht die Hoffnung auf die finanzielle Entlastung der Studenten im Vordergrund: „Wir begrüßen alle politischen Bestrebungen, die eine Abschaffung der Studienbeiträge zur Folge haben.“
Mitten in diese Debatte platzt nun ein Thesenpapier der Bochumer Wirtschaftswissenschaftler. Darin betrachten sie Studiengebühren rein ökonomisch und kommen zu dem Schluss: „Studiengebühren sind sozial gerecht und geboten.“ Erstellt haben die Wissenschaftler das Papier, in dem sie Argumente gegen Studiengebühren vorstellen und anschließend auseinandernehmen, bereits vor drei Jahren. „Damals herrschte eine große Unsicherheit über den Sinn von Studiengebühren, sowohl an der Uni als auch im Ministerium“, sagt ihr Wortführer Prof. Stefan Winter. Nun sei die Diskussion im Wahlkampf wieder aufgeflammt, so dass sich das Team zu einer Überarbeitung entschlossen habe. „Wir wollen damit auch deutlich machen, was Gebühren an der Uni bewirken können“, sagt Winter, und nennt als Beispiel seinen Lehrstuhl, der 1,5 Mitarbeiterstellen mehr habe und auch zusätzliche Seminare anbieten könne.
Die vielfach geforderte Abschaffung der Studiengebühren sei daher keine Lösung für das Bildungssystem, in dessen Hochschulen deutlich mehr Studenten aus reicheren als aus armen Familien sitzen. „Vom kostenlosen Studium profitieren vor allem die Wohlhabenden, da sie diesen Bildungsweg ohnehin mehr nutzen.“ Aus staatlicher Umverteilungssicht sei Gebührenfreiheit genauso unsinnig wie der verminderte Mehrwertsteuersatz auf Lebensmittel. Dieser komme eben nicht nur den sozial Schwachen, sondern vor allem den Besserverdienenden zu Gute. Und da sie auch für Lebensmittel mehr ausgäben, würden sie pro Kopf mehr gefördert als die Schwachen.
Die aber, die nicht studieren und durchschnittlich ein niedriges Lebenseinkommen haben, finanzierten darüber hinaus über ihre Steuern die Ausbildung der reicheren Studenten mit. So entstehe eine faktische Umverteilung von unten nach oben, auf die schon Karl Marx hingewiesen habe.
Damit aber auch Kindern aus Arbeiterhaushalten der Sprung an die Uni gelingt, wollen die Wissenschaftler Studenten individuell fördern. Sie schlagen ein flächendeckendes Kreditsystem zur Gegenfinanzierung vor, bei dem die Möglichkeit besteht, die Rückzahlung einkommensabhängig zu gestalten und ärmeren Hochschul-Absolventen den Kredit sogar komplett zu erlassen. Das soll auch die Studenten, die Angst vor einem Schuldenberg zum Berufsstart haben und zudem ihre Jobaussichten noch nicht einschätzen können, zum Studium animieren.
Der generelle Verzicht auf Studiengebühren hat laut Winter mehrere Nachteile – vor allem mit Blick auf die Globalisierung der Arbeitswelt: „So laden wir weltweit zur Plünderung ein.“ Menschen aus dem Ausland könnten kostenlos in Deutschland studieren. „Aber anschließend geben wir ihnen keine Aufenthaltsgenehmigung und jagen sie aus dem Land.“ Außerdem wanderten derzeit vor allem deutsche Mediziner nach England und Skandinavien ab – die Kosten für ihr teures Studium zahlen sie laut Winter dann eben nicht über ihre Steuern in Deutschland zurück. „Da die europäische Hochschulpolitik explizit auf eine Erhöhung der internationalen Mobilität ausgerichtet ist, entzieht gerade diese Politik selbst der Gebührenfreiheit ihre Legitimation“, heißt es im Thesenpapier.
Die Wissenschaftler erkennen an, dass der Verzicht auf Gebühren das Studium gerade für ärmere Abiturienten zunächst attraktiv erscheinen lässt. „Allerdings hatten wir 60 Jahre lang keine Gebühren und trotzdem setzte und setzt sich der überwiegende Teil der Studenten aus besser situierten Familien zusammen.“
Blieben die Studiengebühren auch bei der neuen Landesregierung erhalten, würden sich langfristig rentable und weniger rentable Studienfächer, die dann mit einem Rückgang der Studentenzahlen rechnen müssten, herausbilden. Das ist von den Wissenschaftlern aber durchaus gewollt: „Keine Volkswirtschaft kann es sich auf Dauer leisten, in erheblichem Maß in die Bereitstellung von Studiengängen zu investieren, die negative Bildungsrenditen erzeugen.“ Es wäre das Aus für viele der sogenannten „Orchideen-Fächer“ wie Skandinavistik oder Ökotrophologie.
Das Wort „Gerechtigkeit“ hört Stefan Winter in der aktuelle Debatte um Studiengebühren oft. Er gibt zu bedenken: „Wer fördert eigentlich die Menschen, die es nicht bis zur Uni schaffen?“
4 Mai
BOCHUM Im heißen Protest-Herbst, den die Ruhr-Universität vergangenes Jahr erlebt hat, forderten die Studierenden auch eine Reform der Bachelor-Studiengänge. Jetzt verkündet das Rektorat: Alle Studiengänge seien unter Einbeziehung der Studierenden eingehend überprüft worden. Voll zufrieden sind die Studierenden trotzdem nicht. Von Max Florian Kühlem, 04.05.2010.
Bei einer Diskussion mit Rektor Elmar Weiler forderten die protestierenden Studierenden im Januar im Audimax unter anderem die Abschaffung der Anwesenheitspflicht. (Foto: Kühlem)
“Wo läuft etwas richtig, wo ist etwas verbesserungswürdig?” So bringt Uta Wilkens, Prorektorin für Lehre, das Erkenntnisinteresse der Universitätskommission Lehre (UKL) auf den Punkt. In den letzten Monaten hat die UKL alle Bachelorstudiengänge eingehend geprüft und Entwicklungsprofile mit allgemeinen und spezifischen Empfehlungen erarbeitet.
Zentrale Forderungen
Die zentralen Forderungen der Studierenden im Bildungsstreik waren die Abschaffung der Anwesenheitspflicht und die Entschlackung der als “übervoll” empfundenen Lehrpläne. Auf beide Punkte wurde zumindest teilweise reagiert. So erarbeitete die UKL eine Empfehlung für alle Fakultäten, die wahrscheinlich als Maßgabe des Rektorats übernommen wird: Die Anwesenheitspflicht soll bereits im Wintersemester zumindest für Vorlesungen komplett abgeschafft werden. Dozenten, die den Besuch ihrer Vorlesungen für unerlässlich halten, sollen diese beispielsweise als Aufzeichnung im Internet anbieten, so dass sie flexibel besucht werden können.
Kompetenzentwicklungsziele
“So schaffen wir Anwesenheitspflichten nicht einfach ab, sondern stellen sicher, dass jeder Studierende selbstständig am Wissenserwerb partizipieren kann”, sagt Wilkens. Für die Kompetenzentwicklungsziele in Seminaren und Übungen sei aktive Teilnahme jedoch oft unerlässlich.
Die Entschlackung der Studiengänge läuft vor allem über Selbstverpflichtungen der Fakultäten: So wird die Prüfungsdichte in einigen Fächern reduziert. “Außerdem sollen Wahlbereiche auch als solche belassen werden und von Studierenden nicht etwa mit Sprachkursen belegt werden, die sie als Voraussetzung für das Studium brauchen”, so Wilkens. Das führe zu mehr Freiheit, auch über den Tellerrand des Fachs zu blicken.
Arbeitsgruppen
Die Einbindung der Studierenden in die Reform des RUB-Bachelors lief vor allem über Arbeitsgruppen der jeweiligen Fachschaften. Bis zum 30. April sollten sie ihre Konzepte einreichen. Lange nicht alle Fachschaften haben davon Gebrauch gemacht: Teils, weil dies “zu wenig Zeit ist, ein ganzes Studiensystem zu erneuern”, wie Sina Wunderlich von der Fachschafts-VertreterInnen-Konferenz informiert. Teils, “weil die Konzepte einfach in der Uni-Verwaltung verschwanden”, wie AStA-Vorsitzender Jan Keitsch weiß.
Keine Diskussion
“Das Problem ist, dass man keine generellen Kritikpunkte zulasse”, sagt Keitsch. Über die Abschaffung der Studiengebühren werde nach wie vor gar nicht diskutiert und das Thema Anwesenheitspflicht werde viel zu zögerlich angegangen. Zum Thema übervolle Studienordnungen sagt er: “Viele Unis haben ihre Bachelor-Studiengänge relativ unbürokratisch auf sieben oder acht Semester ausgeweitet.” An der Ruhr-Universität ist so eine Lösung nicht in Sicht. Prorektorin Wilkens sieht die Statistik auf ihrer Seite: “Noch nie haben so viele Studierende in Regelstudienzeit abgeschlossen.”
http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/bochum/Bachelor-Reform-gestartet-Studierende-weiter-kritisch;art932,897534
30 Apr
Für alle, die den Tanz in den Mai gut überstanden und keine Lust auf die klassischen DGB-Demos mit anschließendem Bratwurstessen haben, haben wir den perfekten Vorschlag: In Dortmund beginnt am 1.5. um 15 Uhr ab Hauptbahnhof Nordausgang die EuroMayDayRuhr Parade und im Anschluss gibt es ab 18 Uhr ein großes Straßenfest mit Live-Musik auf dem Nordmarkt.
Der MayDay versteht sich als eine politisch-aktionistische Straßenparade, die am „Kampftag der Arbeiterbewegung“ gegen die Zunahme von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen protestiert.
Den multilingualen Aufruf finden ihr hier und hier eine Übersicht der Musik & DJs/Djanes.
29 Apr
Am Dienstag, den 4.5.2010 findet im HZO 20 um 16 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema „Sind Studiengebühren irgendwann gar nicht mehr abzuschaffen?“ statt.
Am kommenden Dienstag organisiert der AStA der Ruhr-Uni eine Podiumsdikussion mit dem Thema „Sind Studiengebühren irgendwann gar nicht mehr abzuschaffen?“
Bildungsstreik fortsetzen!
Falls die amtierende Schwarz-Gelbe Koalition in Düsseldorf am 9. Mai wiedergewählt wird, dürften die Studiengebühren wohl weiterhin erhoben werden. Die bereits angestoßenden Veränderungen im Bildungssystem könnten im Sande verlaufen. Die berechtigte Kritik wird weiterhin an Schwarz-Gelb abprallen. Die Bildungsstreikproteste werden dann natürlich unvermindert fortgeführt werden und die Frage wird sein, ob sich die Proteste radikalisieren oder nicht.
Falls jedoch eine andere Landesregierung an die Macht kommt, die Studiengebühren vielleicht abschafft, werden die Proteste trotzdem weitergehen.
Bildung ist mehr als Studiengebühren!
Wenn die Studiengebühren fallen sollten, gibt es noch viel mehr, was am Bildungssystem verändert werden muss.
Von der Kita, über die Schule bis hin zur Hochschule muss alles kostenlos zur Verfügung stehen. Die Institutionen müssen demokratisch organisiert werden; das Ziel bleibt die Emanzipation des Individuums.
Kommt am 4.5.2010 zur Podiumsdiskussion um 16 Uhr ins HZO 20.
14 Apr
Nicht nur an der Ruhr-Universität bereitet die Anwesenheitspflicht in Vorlesungen bislang ein chronisches Zeitproblem – vor allem für diejenigen, die neben dem Studium arbeiten müssen, um überhaupt studieren zu können. So hat die Uni Duisburg-Essen die Pflicht zur Anwesenheit inzwischen auf den Prüfstein gestellt – mit dem Resultat, dass diese nur begrenzt zulässig ist. Nun hoffen auch die Bochumer Studierenden auf eine Neuregelung. (Zum Artikel.) Außerdem sind die massiven Polizeiübergriffe auf die Gegenaktionen zur ausländerfeindlichen Mahnwache der „pro NRW“ unter der Rubrik „Bochum brutal“ auch in dieser Woche ein brandheißes Thema in der Bochumer Stadt- & Studierendenzeitung.
Weitere Campus-Themen in der :bsz #824 sind die Wahl des neuen RUB-AStA aus Grüner Hochschulgruppe, Linker Liste, Alternativer Liste sowie der Liste Schöner Wohnen in Bochum sowie ein Konzept der Fachschaftsvertreter_innenkonferenz (FSVK) zur Verbesserung der gestuften BA-/MA-Studiengänge: Endlich sollen die Studierenden wieder mehr Freiheiten und damit die Chance auf ein selbstbestimmtes Studium erhalten. Abgerundet wird die aktuelle Ausgabe mit der Vorstellung des 1966 gegründeten Uni-Kinos „Studienkreis Film“ (SKF) im Rahmen der neuen :bsz-Reihe über studentische Initiativen, einem Nachruf auf die Punk-Legende Malcom McLaren, dem Japan-Blog des Redakteurs Hanno Jentzsch sowie Buchvorstellungen zur Bochumer Stadtgeschichte und einer kolumnistischen Abrechnung mit der schwarz-gelben Bundesregierung.
17 Dez
Bochum, 17.12.2009, Jürgen Boebers-Süßmann
Zu einer neuerlichen Diskussion über die Studienbedingungen an der Ruhr-Uni hatten die Bildungsstreik-Aktivist/innen in das nach wie vor besetzte Audimax eingeladen. Rund 250 Zuhörer folgten der etwa zweistündigen Diskussion.
Auf dem Podium saß neben Karsten Finke (AStA), Manuel Zaunr, Laura Schlegel vom Protestkomittee und Eva Fischer (Zentrale Studienberatung) als Hauptgast des Tages RUB-Rektor Prof. Elmar Weiler. Ihm vor allem wollten die Audimax-Besetzer/innen auf den Zahn fühlen; Stichpunkte: Studiengebühren, Studienreform, Qualität des Studiums, Leistungsdruck.
Weiler wies darauf hin, dass der umstrittene Bachelor schon alt sei. Bereits Prof. Petzina, sein Vor-Vorgänger im Amt, habe vor acht Jahren angekündigt, dass die Ruhr-Uni konsequent ihre Abschlüsse auf das einheitliche BA/MA-System umstellen würde. Eine Überlegung, so Weiler, die auch die Studierenden gewünscht hätten: „Viele Studierende haben sich damals beklagt, dass speziell die alten Master-Studiengänge zu unspezifisch wären.” Ziel das Bachelors war bekanntlich neben der Verkürzung des Studiums auch eine bessere internationale Vergleichbarkeit – und damit die Einführung eines Qualitätsbegriffs.
Beschlüsse wurden gestern im Audimax nicht gefasst. Vielmehr wurden die sattsam bekannten Argumente ein weiteres Mal öffentlich ausgetauscht. Die Podiumsdiskussion zeigte einmal mehr, dass die Debatte um die Bildung grundsätzlich eine strukturelle, weniger eine inhaltliche ist. Die Studierenden, die sich zu Wort meldeten, beklagten – neben den Studiengebühren – immer wieder die Formaliseriung des Studiums, etwa das als schematisch-lehrplanhaft empfundene Vorgehen während des Bachelor-Jahre, aber auch das Führen von Anwesenheitslisten, die offenbar geradezu verhasst sind. Dem Drängen auf Veränderungen in diesen Details gab Rektor Weiler nicht nach; vielmehr verwies er auf die Qualitätszirkel, die Prorektorin Prof. Wilkens zuletzt vorgestellt hatte, und die zu einem Optimierung des Bachelor-Studiums führen sollen (die WAZ berichtete). Die Protestler im Audimax sehen diese Arbeitskreise skeptisch, zu beliebig, zu wenig studentisch relevant, so das Argument.
Beide Seiten – Rektorat und Bildungsaktivisten – betonten, man wolle nicht in die „alten” Lehr- und Lernzeiten vor der BA/MA-Umstellung zurückfallen. Aber wie die neue genau aussehen sollen, darüber gab’s keine Übereinstimmung.
http://www.derwesten.de/staedte/bochum/Podiumsdiskussion-bringt-nichts-wirklich-Neues-id2277199.html